„Ort mit reicher Geschichte sichern“

Ein neues Nutzungskonzept für Gut Blankenberg: Kreativität, Leidenschaft und ein Händchen für bürokratische Vorgänge braucht es nach Dr. Tobias Leipprand und Dr. Ed Velasco, wenn man ein Denkmal zukunftstauglich macht. Sie sprachen mit uns über ihre Visionen, Erfahrungen und wie es sich anfühlt, als Städter plötzlich Denkmalbesitzer auf dem Land zu sein.

vom Team Tag des offenen Denkmals am 17. August 2020

Gut Blankenberg
Gut Blankenberg © Ed Velasco

2018 haben Sie das denkmalgeschützte Herrengut Blankenberg im ländlichen Brandenburg gekauft. Was sind Ihre Visionen für das neoklassizistische Haupt- und Nebengebäude mit der großen Gartenanlage?

Ed Velasco: Blankenberg ist ein kleines Dorf mit 60 Einwohnern am Rande eines Naturschutzgebiets. Es liegt eine gute Stunde westlich von Berlin. Zum Gut gehören das in seiner heutigen Form klassizistische Herrenhaus, ein Gartenhaus aus 1920 und eine Getreidehalle aus 1970, sowie einige Hektar Land. Die letzten 30 Jahre wurde das Gut kaum genutzt, davor war es Verwaltungssitz eines großen Agrarbetriebs.
Wir wollen mit Gut Blankenberg einen gefährdeten Ort mit reicher Geschichte sichern und zugänglich machen. Wir sind überzeugt: die beste und nachhaltigste Absicherung für die Zukunft von Gut Blankenberg ist Relevanz. Das Gut muss in unserer heutigen komplexen und teilweise verrückten Welt bedeutsam sein. Es darf nicht aus der Zeit fallen. Das wollen wir erreichen.

Dr. Tobias Leipprand ist Sozialunternehmer, Trainer, Berater, Moderator und Redner.
Er ist Gründer und CEO von LEAD. Die LEAD Academy, eine gemeinnützige Organisation, bietet Trainingsprogramme für Führungskräfte aus Staat, Wirtschaft und Gesellschaft an und forscht zu aktuellen Führungsfragen. Als Vorstandsmitglied hat er die stiftung neue verantwortung mit aufgebaut, wo er als Fellow Projekte in den Bereichen Nachhaltigkeit und Zukunft der Stadt leitete. Ausgleich und Reflexion findet er beim Yoga.

 

© Moussa Hakal

Dr. Ed Velasco verließ 2017 seine Direktorenstelle bei einer in New York City ansässigen pharmazeutischen Kommunikationsagentur, um Vollzeit die Sanierungsmaßnahmen im Gutshaus und Gutsgarten in Blankenberg zu begleiten. Dabei bleibt er freiberuflicher Wissenschaftler und Aufsichtsrat einer Menschenrechtsorganisation für Kinder mit Sitz in London. 10 Jahre war Ed im öffentlichen Dienst als Infektionsepidemiologe am Robert-Koch-Institut tätig.

 

Ed
© Ed Velasco

Haben Sie proaktiv nach einem geeigneten Ort für die Umsetzung einer bestehenden Idee gesucht? Oder war es umgekehrt und Sie entwickelten das neue Nutzungskonzept von dem Gut ausgehend?

Tobias Leipprand: Sowohl als auch. Nach Jahren in Berlin, London und New York waren wir bereit, Wurzeln zu schlagen. Wir wollten beide mehr Zeit auf dem Land verbringen, und es sollte ein kreatives Projekt werden, in dem wir unsere Ideen, Erfahrungen und Netzwerke zusammenbringen würden. An ein Denkmal hatten wir da aber noch nicht gedacht.

Ed Velasco: Blankenberg als Ort hat uns berührt. Und zwar nicht nur das eher schlichte Gutshaus, sondern auch die Landschaft drumherum, vor allem aber die Leute. Wir fühlen uns hier richtig zu Hause und haben viele Freunde gewonnen. Und jetzt ist es unsere Aufgabe, ein Konzept zu verfeinern – und zwar in vielen Gesprächen, Überlegungen aber auch Experimenten. Ein Konzept, dass für uns als Paar, für das Gutsensemble, für die Gäste des Gutes, aber auch für das Dorf in allen Formen nachhaltig ist.

Was sind Ihre konkreten Pläne für das Gut Blankenberg?

© Jan Van Esch

Ed Velasco: Die Zeiten der Gutsherren mit ihren vielen Bediensteten sind vorbei. Das passt nicht in eine Welt mit Coronakrise, Digitalisierung, Klimawandel, oder auch Populismus. Wie bewegen sich Menschen heute in historischen Räumen wie unserem Gut? Wie erschließen sie sich diese Räume? Und was heißt das im Kontext unserer Zeit? Die Suche nach Antworten hierauf ist unser Konzept.

Tobias Leipprand: Diese Suche wird uns noch lange begleiten, trotzdem gibt es natürlich schon ein paar konkrete Eckpunkte: Es wird einen Gästebetrieb geben mit schlichten, aber sehr hochwertigen Zimmern. Wir haben einen Bauerngarten angelegt mit biologischer Landwirtschaft, der zum Mitgärtnern aber auch zum Abschalten einlädt. Der historische Saal mit seiner wirklich besonderen Stuckdecke, unter der an einer geschädigten Stelle noch ein früheres Fresko hervorblitzt, wird Ort für transformative Führungs-Workshops. Blankenberg soll Austausch, Introspektion, Naturverbundenheit und Sinnfindung ermöglichen.

Aktuell nehmen Sie Renovierungsarbeiten vor. Unter anderem werden das Dach und die Fenster saniert. Auf Ihrer Homepage ist zu lesen, dass Sie bei den Arbeiten historische Details respektieren und bewahren. Stellte Sie das schon vor Herausforderungen?

Ed Velasco: Genau. Aktuell werden Dach und Fenster restauriert – dafür haben wir eine LEADER-Förderung gewinnen können. Fassade und Innenausbau kommen später, ebenso das Gartenhaus. Unsere alte Getreidehalle wird aber noch diesen Sommer von ihrer Asbesteindeckung befreit und bekommt ein Solardach. Parallel arbeiten wir mit anderen im Dorf daran, ein benachbartes Gelände mit verfallenen Stallungen zu renaturieren. Hoffentlich gelingt das!

Tobias Leipprand: Natürlich gibt es immer wieder große Herausforderungen. Das größte Kopfzerbrechen bereitet die Bürokratie rund um Anträge, Förderungen und Genehmigungen (lacht). Dabei haben wir beide viel Erfahrung im öffentlichen und gemeinnützigen Sektor!
Was den Denkmalschutz anbelangt gibt es natürlich immer wieder knifflige Themen. Zum Beispiel haben wir im Erdgeschoss noch alte Fenster aus dem späten 18. Jahrhundert. Diese sind so schlank gearbeitet, dass selbst mit einem hauchdünnen Isolierglas der Wärmekoeffizient viel zu schlecht wäre. Innenliegend sind Kassettenfensterläden. Die sind zwar wunderschön, verhindern es aber, dass man einfach ein zweites Fenster von innen davorsetzt. Mit der Denkmalbehörde haben wir uns nun geeinigt, dass wir in den kalten Monaten Winterfenster von außen einsetzen dürfen, die in der gleichen Anmutung wie die Originalfenster gestaltet sind, sodass sie das Fassadenbild nicht zu sehr stören.

Viele junge Menschen zieht es in die Städte und verlassen ländliche Umgebungen. Mit Ihrem Projekt beleben Sie ein Dorf zwischen Berlin und Hamburg. Damit beugen Sie Leerstand vor und nutzen historische Bestandsbauten. Würden Sie sagen, dass es solche Umnutzungskonzepte wie auf Gut Blankenberg vermehrt in Ihrer Region gibt?

Ed Velasco: Wir glauben, dass es viel zu entdecken gibt in den „Gärten zwischen Berlin und Hamburg“. Nicht nur die schöne Prignitzregion, nicht nur die Dörfer mit langer Geschichte und teils starken Gemeinschaften. Eine Region, die zum Teil von Abwanderung bedroht ist. Natürlich hoffen wir, mit unserem Projekt Menschen hierher zu bringen. In Blankenberg sind wir übrigens nicht die ersten, hier gibt es eine Mischung aus Alteingesessenen und Zugezogenen. Und auch in Nachbardörfern gibt es ähnliche Entwicklungen. Allerdings fehlt es an Infrastuktur. Wir brauchen kreative und mutige Köpfe, die hochwertige Bäcker, Metzger, Restaurants usw. wieder auf die Dörfer bringen! In den ländlichen Regionen um New York City, in den Catskills zum Beispiel, ist dies bereits gelungen.

Postkarte von Gut Blankenberg, um 1930

Tobias Leipprand: Der neue Drang der Großstädter aufs Land besteht ja schon länger. Mit der Coronakrise wird sich noch einmal alles drastisch verschieben. Viele von uns können auch zukünftig sehr leicht im HomeOffice arbeiten. Das kann ja auch unsere mit WLAN abgedeckte Obstwiese in Blankenberg sein.

Ed Velasco: Es ist nicht selbstverständlich, dass zwei verheiratete Männer in jeder Gemeinschaft gut aufgenommen werden. In Blankenberg aber eben schon. Viele sehen glaube ich, dass wir behutsam Neues ins Dorf bringen, dabei aber das Alte respektieren. Und mit ihrem „Schloss“, wie das Gutshaus hier heißt und in dem viele früher gewohnt, gearbeitet oder geheiratet haben, gehen wir gut um. Neulich hat uns der Seniorentreff sogar zum Brotbacken an den Dorfbackofen eingeladen – das war schon eine Auszeichnung!

Der Tag des offenen Denkmals® steht mit dem Motto „Chance Denkmal: Erinnern. Erhalten. Neu denken.“ dieses Jahr ganz im Zeichen der Nachhaltigkeit. Denkmalpflege und Nachhaltigkeit. Was verbinden Sie persönlich mit diesem Wortpaar?

Tobias Leipprand: Die Frage nach der Relevanz ist de facto genau die Frage nach Nachhaltigkeit – in all ihren Aspekten. Wenn Berliner und Hamburger hier bei uns zu sich finden und mal nicht auf Mallorca Urlaub machen, dann ist das ökologisch nachhaltig. Wenn es gelingt, dass bei uns verschiedene Menschen und Gruppen – nicht nur Dörfler und Städter – zusammenfinden und über die wirklich wichtigen Dinge sprechen, dann ist das soziale Nachhaltigkeit. Und ohne ein ökonomisches Konzept funktioniert das Ganze natürlich auch nicht. An diesen drei Säulen der Nachhaltigkeit – ökologisch, sozial und ökonomisch – arbeiten wir jeden Tag. Denkmalschutz unterstreicht eine wichtige vierte Komponente der Nachhaltigkeit, nämlich die kulturelle. Genau über diese wurde ja in den letzten Jahren viel geschrieben und geforscht!